Sonia Mikich hält im Beisein von Ministerpräsident Tillich die Laudatio (Foto: Oliver Killig, Moment Photo)

Laudatio zur Verleihung des Sächsischen Förderpreises für Demokratie 2009


Die Laudatio auf die Preissieger von Sonia Mikich, Redaktionsleiterin und Moderatorin des WDR-Fernsehmagazins "Monitor":


Wir erinnern heute, wir gratulieren, wir schauen in die Archive oder ins private Fotoalbum. Wir fragen: Was hast du gemacht in der Nacht, als sich Weltgeschichte mit Kraft und Lachen entfaltete?

Die ganze Welt erinnert sich an diesen berauschenden Umbruch vor 20 Jahren. Wir feiern die friedliche Revolution, die Zivilcourage, den Heldenmut der Vielen. Doch Zivilcourage wärmt nicht nur, sie fließt nicht immer in Geschichtsbücher ein. Sie macht Arbeit. Sie macht einsam.

Mutige können plötzlich ganz allein da stehen. Sich gegen den Mainstream zu stellen, kann ausgrenzen. Ein Held beginnt nicht in der Masse, sondern im Kleinen. Der öffentliche Raum kann plötzlich eisig und viel zu groß werden.

Ich möchte anfangen mit einigen Gedanken zur Einsamkeit. Zur Einsamkeit derjenigen, die eine gute Gesinnung haben.

Denken Sie an den totgeschlagenen und -getretenen Dominik Brunner in Solln. Ich stelle mir seine Einsamkeit unendlich vor, als er intervenierte, als er beschützen wollte, als er das Richtige tat, als er sich einmischte. Denken Sie an krankenhausreif geschlagene Opfer von rechten Gewalttätern. Vor kurzem noch die Fans vom Club Roter Stern, bei einem Auswärtsspiel in Brandis machten rechte Schläger Jagd auf sie – mit Holzlatten und Steinen. Denken Sie an den Schock, wenn ein Stein durch das Fenster einer Bürgerinitiative fliegt. Oder wenn – wie hier in Dresden – eine Synagoge mit Hakenkreuzen beschmiert wird, ausgerechnet vor dem anderen 9.November, dem Jahrestag der Pogromnacht von 1938.

Denken Sie an Mobbing und Zermürbung. An Drohbriefe, Beschimpfungen, nächtliche Anrufe. Sie berühren eben nicht nur die Gruppe, den Verein, das Projekt. Sie erreichen den einzelnen Menschen und machen ihn, machen sie für einen Augenblick sehr, sehr einsam.

Wir recherchieren gerade einen Fall in Dortmund, wo eine Familie, die fremdenfeindliche Aufkleber der NPD auf ihrer Straße entfernt hat, regelrecht fertiggemacht wurde und jetzt fortzieht. Weil sie Angst hat. Weil sie in dieser Angst von den Behörden alleingelassen wird. Und auch kritische Journalisten kennen dieses Gefühl, allein auf weiter Flur zu sein.

Die Einsamkeit des Aktivisten wird aufgehoben, wenn die gute Arbeit öffentliche Aufmerksamkeit erfährt, und deswegen sind wir hier heute zusammen. Wir ehren Ihre Arbeit, Ihre Nächstenliebe, Erfolge und Sturheit. Ihren Dienst an das Gemeinwohl. Wir sind auf Ihrer Seite.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Tillich, sehr geehrter Herr Oberlandeskirchenrat Münchow, sehr geehrte Frau Oberbürgermeister Orosz, sehr geehrte Frau Kahane, lieber Christian Petry, Herr Suermann, Herr Pfarrer Feydt – die Vertreter der vier auslobenden Stiftungen – geehrte Vertreter der Staatsministerien, Damen und Herren Parlamentarier und natürlich das Publikum, sehr verehrte Damen und Herren.

Was können solche couragierten Gruppen eigentlich anrichten? Zunächst einmal fühlen sie sich nicht nur anständig, sondern vor allem ZUSTÄNDIG. Sie durchbrechen bürokratische Schwerfälligkeit und …machen los.

Sie stellen die Unvermeidlichkeit von Gewalt oder Ausgrenzung fundamental infrage. "National befreite" Zonen? Eine ausländerfreie Kneipe? Muss man sich nicht gefallen lassen, kann man zurückerobern oder verteidigen. Schlägereien auf dem Fußballplatz? Dagegen hilft ein Ehrenkodex der Fußballfans. Kranke und vergessene Illegale? Kann man zumindest medizinisch versorgen.

Menschenrechtsverletzungen, Rassismus, Unterdrückung und Ausbeutung sind nicht Normalität. Sind nicht ein Kollateralschaden, den eine Demokratie je nach Kassenlage auf ihrem Weg durch die Geschichte hinnehmen muss. Mit Ihren Projekten und Initiativen zeigen Sie, wie ähnlich fremde Menschen uns sind. Sie alle leben eine schöne Gleichung aus: multi-kulturell = multi-interessant. Und Gemeinwohl ist das Gegengift zu Engstirnigkeit.

Gemeinwohl ist nicht gerade Mode, jeder ist zunehmend mit sich selbst befasst. Mein Lieblingsbild dafür: afrikanische Bootsflüchtlinge und damit die Kollateralschäden einer enthemmten Globalisierung waren erst sichtbar, als sie halbtot an UNSEREN Urlaubsstränden ankamen. Da mussten wir zugeben, dass die Welt in Bewegung gerät und Armutsflüchtlinge zum großen Thema des nächsten Jahrzehnts und an unserer Haustür werden. Wir – unser – uns: wie sich das ändert.

Doch das Andere verstört. Den Anderen wird ihr Anderssein übel genommen – das ist die psychologische Wurzel von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Je weniger eine Gesellschaft das Andere aushält, umso leichter macht sie es den rechtsextremen Verführern, bei denen ein homogenes Menschenbild vorherrscht, unterstellt wird ein einmütiges deutsches Volk, das keiner Differenzierung bedarf.

Anderssein, Individualität lösen Aggressionen aus. Das Andere verursacht Probleme vor der eigenen Haustür. Es ist Konkurrenz um Arbeitsplätze und Wohnungen, es kostet unsere Steuern. Es löst Angst vor "Überfremdung" aus und endlose Diskussionen um Integration. Das ist der Boden für anti-demokratische und intolerante Reflexe.

Lange verengte unsereins solche Reflexe auf die Träger von Glatzen und Springerstiefeln oder alte Ewiggestrige. Klar, die verhielten sich dann auch noch kriminell oder wählten ultra-rechts. Hass auf Demokratie und Toleranz war oft etwas Sichtbares, Fassbares, etwa ein hingesprühtes Hakenkreuz, ein Anschlag auf ein Asylheim. Da konnten wir Demokraten uns leicht abgrenzen, gelegentlich zur Lichterkette versammeln, Geld spenden, uns an unserem Anstand freuen. Das reicht schon lange nicht mehr. Denn die Rechte ist raus aus den Subkulturen von Alt-Nazis und Kameradschaften, sie drängt schon lange in die Mitte, macht sich erfolgreich zum Sprachrohr einer verunsicherten Mehrheit. Denken Sie an NPD- Hochburgen, nicht nur hier in Sachsen, wo braune Aktivisten inzwischen nicht mehr platt über Ausländer schäumen, sondern auf Gemeindeebene ganz praktisch Probleme der Bürger ansprechen - und sogar zu lösen versuchen. Sei es nur, neue Bushaltestellen durchzusetzen. Oder Kinderfeste zu organisieren. Oder bei der Suche nach Lehrstellen zu helfen. Berechtigte Anliegen werden gekapert, das Versagen des Sozialstaates wird geschickt instrumentalisiert. Das ist Populismus, ja, aber nicht mehr so einfach mit "richtig" oder "falsch" zu bewerten.

Will sagen: die Demokratie wird nicht nur von ihren Rändern herausgefordert.

Welche bürgerlichen Ängste spricht wohl ein Ex-Senator Sarrazin an, wenn er von integrationsunwilligen Minderheiten spricht, die Staatsknete abgreifen und sich anscheinend dumpf vermehren? Ein Ministerpräsident Rüttgers findet nichts dabei, im Wahlkampf zu behaupten, dass rumänische Automobilarbeiter weniger pünktlich und zuverlässig seien als die Kollegen bei Opel-Bochum. Erwin Huber auf dem CSU-Parteitag 2007: "Multikulti ist eine Brutstätte von Kriminalität."

Und es durfte auch zusammengezuckt werden, als Oskar Lafontaine seinerzeit so formulierte: "Der Staat ist verpflichtet zu verhindern, dass Familienväter und Frauen arbeitslos werden, weil Fremdarbeiter ihnen zu Billiglöhnen die Arbeitsplätze wegnehmen".

"Man wird ja wohl noch mal etwas sagen dürfen…", ist dann die Replik.

Es reicht nicht, moralisch gegen solche Einstellungen zu argumentieren. Hinter den Sprüchen sind handfeste Probleme unserer Gesellschaft. Verschwindende Arbeitsstellen, beschämende Niedriglöhne, mies ausgerüstete Schulen, frustrierte junge Machos ohne Zukunftschancen. Diese Schwachstellen müssen wir klar benennen. Ambivalenzen, Grautöne, Widersprüche auszuhalten und auszusprechen ist Merkmal von Demokraten.


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