Ein Museum schwimmt gegen den Strom


Das Schulmuseum Leipzig wurde 2007 mit dem ersten Sächsischen Förderpreis für Demokratie ausgezeichnet. Für die engagierte Museumsleiterin Elke Urban ist dieser Preis eine große Ermutigung, weiterhin kritische und unbequeme Fragen zu stellen. Eines der unbequemsten, aber auch interessantesten Projekte ist die durch den Förderpreis ausgezeichnete Ausstellung „Gegen den Strom – Schule im Widerstand“.


Sie könne mit Worten kaum beschreiben, wie glücklich sie über die Auszeichnung sei, erzählt Elke Urban. Sie versucht es dennoch und muss dabei etwas weiter ausholen. Seit acht Jahren leitet sie das Schulmuseum, und ihre Arbeit erfährt Lob, Anerkennung und Interesse. Doch häufig bläst ihr auch ein kalter Wind entgegen, mitunter habe sie mit heftigen, ablehnenden Reaktionen zu kämpfen, berichtet Elke Urban. Denn das Schulmuseum Leipzig ist kein herkömmliches Museum. Hier wird Geschichte lebendig gemacht, damit junge Menschen eine Ahnung davon bekommen, wie der Schulunterricht zu früheren Zeiten ablief. Beispielsweise im Kaiserreich, im Nationalsozialismus oder in der DDR.

Das Schulmuseum ist weit mehr als ein Museum von Ausstellungsstücken. Im Vordergrund steht das (inter)aktive Erleben. Ein gutes Beispiel ist die „Heimatkundestunde 1975“. Eine Schulstunde lang können Neunt- oder Zehntklässler sich auf eine ungewöhnliche Zeitreise begeben – in die Schule der DDR. Den Unterricht übernimmt Elke Urban höchstpersönlich. Sie ist in der DDR aufgewachsen und weiß aus eigener Erfahrung, wie sich Schule von damals von den heutigen Verhältnissen unterschied. Die Schüler sollen nachdenklich nach Hause gehen, mit dem Gefühl, etwas gelernt zu haben.

Schule in der DDR – bisher ein Tabuthema

Allerdings sind Themen wie die „Heimatkundestunde 1975“ alles andere als bequem. Sie werfen Fragen auf, die wir uns alle stellen sollten: Was bedeutet Demokratie heute für mich? Welche Freiheiten genießen wir in der wiedervereinten Bundesrepublik, für die man noch vor 20 Jahren kämpfen musste? „Gerade die Heimatkundestunde hat viele Menschen vor den Kopf gestoßen“, berichtet Elke Urban weiter. „Ein absolutes Tabu, das wir versuchen zu brechen“. Das neue Projekt „Gegen den Strom – Schule im Widerstand“, für das Urban am 9. November 2007 den Sächsischen Förderpreis erhielt, thematisiert sowohl die DDR als auch den Nationalsozialismus. Anhand von Biographien werden Parallelen und Unterschiede der Schule zur Zeit der beiden deutschen Diktaturen aufgezeigt. Welche Schüler und Lehrer hatten den Mut, sich den Zwängen der Diktatur zu widersetzen? Wie sah ihr Widerstand aus? Und mit welchen Konsequenzen mussten sie rechnen? Das Ziel dieses Projektes: Indem sich Jugendliche direkt mit diesen Fragen auseinandersetzen, sollen sie für die Gefahren jeglicher Form von Gleichschaltung sensibilisiert werden.

Bei der Umsetzung stehen die jungen Menschen im Mittelpunkt. Angeleitet von Historikern der Universität Leipzig untersuchen sie die Lebensläufe von Außenseitern und Widerständlern in der Diktatur - recherchieren in Archiven die Schulakten der Stasi und der Gestapo, befragen anschließend Zeitzeugen und deren Nachkommen. Das Projekt „Gegen den Strom“ basiert auf Erfahrungen aus den früheren Ausstellungen „Fremde und Gleiche in der DDR-Schule“ und „Schule unterm Hakenkreuz“. Wenn es darum geht, das Thema Widerstand in den Blick zu nehmen, lag im Schulmuseum Leipzig der Fokus bisher klar auf der NS-Zeit: Schüler bekamen die einzigartige Möglichkeit, sich mit Zeitzeugen zu treffen, die ihnen aus erster Hand berichten konnten, wie man sich 1933 als jüdisches Kind in Deutschland fühlte, wie die Familie nach demütigenden und traumatischen Erlebnissen schließlich ins Ausland fliehen musste. So sprachen die Schüler beispielsweise mit Thea Hurst, geborene Gersten, die im Alter von vierzehn mit ihrer Familie nach England emigrierte. Kein Schulbuch kann solche Gespräche ersetzen.

Ein ungewöhnliches Projekt wird belohnt

Mit der Zeit kam bei Elke Urban der Wunsch auf, das Thema Widerstandsgeschichte breiter zu fassen, von einem anderen Blickwinkel zu beleuchten und zu fragen: Wie sah Widerstand in der DDR aus? „Mir wurde durch die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus bewusst, dass zahlreiche Menschen, die schon unter Hitler verhaftet wurden, später in der DDR wieder in Ungnade fielen“. So entstand die Idee, das Thema Widerstand in beiden deutschen Diktaturen in einem einzigen Projekt zu vereinen. Dieser ungewöhnliche Ansatz überzeugte auch die Jury des Sächsischen Förderpreises, der unter anderem der Dresdner Schauspieler Wolfgang Stumph angehört. Verliehen wird die Auszeichnung durch die Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank, die Stiftung Frauenkirche Dresden, die Freudenberg Stiftung und die Amadeu Antonio Stiftung. Die Schirmherrschaft hat der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt übernommen, der einen Sonderpreis stiftete.

Dass ihre Arbeit vom sächsischen Ministerpräsidenten gewürdigt wurde, der ihr am 9. November 2007 in der Unterkirche der Frauenkirche Dresden höchstpersönlich den Sonderpreis in Höhe von 10.000 Euro überreichte, macht Elke Urban stolz: „Diese Auszeichnung hat uns beflügelt und ermutigt, weiter zu machen, und gerade für so ein kleines Museum wie das unsere bedeutet der Preis unglaublich viel!“ Eine Auszeichnung, die in den vergangenen Monaten für viel weitere öffenliche Aufmerksamkeit sorgte: Zahlreiche Tageszeitungen aus ganz Deutschland berichteten über das Schulmuseum. Verwunderlich nur, dass es in Leipzig selbst kaum Resonanz gab.

Die Ausstellung „Gegen den Strom“ ist in Vorbereitung, kann jedoch erst komplett umgesetzt werden, wenn weitere Finanzmittel durch das Programm „Weltoffenes Sachsen“ zur Verfügung stehen. Diese wurden für Mitte 2008 zugesichert. Die Museumsleiterin verspricht sich viel von der Ausstellung. Ihre Hoffnung: „Gerade den jungen Menschen soll klar werden, unter welch schwierigen, mitunter lebensbedrohlichen Situationen damals Widerstand geleistet wurde. Und wie vergleichsweise viele Möglichkeiten es heute gibt, sich einzumischen und Zivilcourage im Alltag zu zeigen“.


Jan Schwab