Buntes Bürgerforum für Demokratie Limbach-Oberfrohna

Von Dr. Dorothee Freudenberg*

„Dass sich unsere Kinder die Haare bunt färbten, kam in unserer Stadt nicht so gut an“, sagt Manuela Weis, eine der Begründerinnen des „Bunten Bürgerforums für Demokratie“ in Limbach-Oberfrohna, das für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie 2011 nominiert ist. Es ist eine maßlose Untertreibung für das, was folgte: Die Jugendlichen wurden in der 25.000-Einwohner-Stadt im Westen Sachsens über Jahre täglich von Mitgliedern der örtlichen rechtsextremen Szene angepöbelt und häufig angegriffen. Statt sich solidarisch mit den Opfern rechtsextremer Gewalt zu zeigen, brandmarkt die Stadtverwaltung die Angegriffenen als mindestens mitschuldig. 2010 wurde sogar ein Brandanschlag auf ihren Treffpunkt verübt. Die Eltern wollten dem nicht tatenlos zusehen.

Die Mutter erinnert sich, dass sie schon vor den Übergriffen rechtsextreme Graffitis in Limbach-Oberfrohna wahrgenommen hat, „aber da dachte ich noch: das hat nicht wirklich etwas zu bedeuten, ist halt eine Schmiererei.“ Es folgen weitere Prügelattacken, die klar machten: Hier wollen Rechtsextreme mit Gewalt durchsetzen, wer wie leben und sich bewegen darf in Limbach-Oberfrohna. Als die Übergriffe nicht abnahmen organisierten sich die Eltern. „Wir haben uns gesagt: Wir müssen mehr unternehmen, als unseren Kindern beim Renovieren der Räume zu helfen und vor ihrem Laden 'Streife' zu fahren“, sagt Manuela Weis. „Den Jugendlichen hört hier einfach keiner zu. Dabei wollen sie sich für ein besseres Leben in der Gemeinde engagieren und sind keine Krawallmacher.“ Das „Bunte Bürgerforum für Demokratie“ sucht und findet engagierte Erwachsene – heute gehören Menschen von 19 bis 75 Jahren dazu, vom Maschinenarbeiter bis zum Arzt, quer durch Parteien und Gesellschaftsstrukturen.

Aber was tut man in einer Stadt, in der die Polizei, wenn sie um Hilfe gerufen wird, lieber eine Hausdurchsuchung bei den bedrohten Jugendlichen macht, statt sich um den Nazi-Mob zu kümmern, der ihnen Gewalt androht? Die Eltern setzen auf Sensibilisierung und Aufklärung. „Wir haben Flyer gedruckt, in denen wir die rechtsextremen Graffitis in Limbach-Oberfrohna erklärt haben. Wir haben die Codes und Symbole gezeigt und erklärt, was die Nazis meinen“, sagt Manuela Weis. Die Flyer verteilten die Mitglieder des Bürgerforums in „fast allen Briefkästen von Limbach-Oberfrohna“. Darauf gab es viele positive Reaktionen. Gemeinsam mit der Diakonie und dem Pfarrer organisierte das Bunte Bürgerforum eine Gedenkveranstaltung am Todestag Dietrich Bonhoeffers, der von den Nationalsozialisten im KZ Flossenburg, das eine Außenstelle in der Nähe von Limbach-Oberfrohna hatte, ermordet wurde. Die Stadtverwaltung ignoriert das Engagement, aber in der lokalen Presse und der Stadtgesellschaft wird der Rechtsextremismus nun nicht mehr totgeschwiegen. „Ich wünsche mir, dass hier eines Tages die Vernunft regiert“, sagt Manuela Weis, „dass es die übliche Reaktion wird, zu sagen 'Du spinnst wohl! Überdenk mal Deine Ansichten!', wenn jemand rechtsextremes Gedankengut äußert.“ Bis dahin, sagt sie, müsse aber noch einige Vermittlungsarbeit geleistet werden: „Mein Eindruck ist, dass hier viele Jugendliche Kontakt zu Nazi-Strukturen haben – und das als normal wahrgenommen wird.“

*Jurymitglied Dr. Dorothee Freudenberg ist Mitglied des Kuratoriums der Freudenberg Stiftung.
 

Die Preisträger 2011